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Autor: Iwan Lässer / Juni 2005


Die Ozeane dieser Erde sind ausgereifte Ökosysteme, in denen sämtliche ablaufende Prozesse miteinander verkettet sind. Ein Gleichgewicht, welches sich in Jahrmillionen entwickelt, stabilisiert und perfektioniert hat. Das Resultat davon ist ein Lebensraum, unglaublich reich an Leben, faszinierend an Formen und Farben.

Der Meerwasseraquarianer versucht sich ein Stück dieses phantastischen Lebensraumes in seine Stube zu zaubern.  Um erfolgreich zu sein ist ein gewisses Mass an Technik unabdingbar. Es werden mir auch die technischen Puristen Recht geben, wenn ich ein Lichtsystem und Strömungssystem als absolutes Minimum bezeichne. Ich persönlich verzichte, weiter in der Aufzählung, nicht auf Abschäumer und Kalziumreaktor. Diese Auflistung stellt abschliessend die technischen Anforderungen für das biologisch aktive System dar.

Bis in die frühen achtziger Jahre war ein Meerwasseraquarium ein Glasbehälter mit Steinkorallenskeletten dekoriert und vielen Fischen drin-Fertig. Die Haltung, oder gar Vermehrung von (Stein-)Korallen war unmöglich. Die Verlustrate an Fischen gewaltig.

Seitdem wurde viel optimiert: Die Wichtigkeit der Kalziumversorgung wurde erkannt. Die Beleuchtungsmöglichkeiten optimiert und es wurden lebende Steine eingesetzt. Ein erster Schritt in Richtung Simulation der maritimen Bioaktivität.




Ausgestattet mit diesem Rüstzeug, gelingt es vielen Aquarianern in ihrem,  mit Hingabe und Geduld gepflegten Becken Tiere überleben zu lassen und eine minimale Mikrofauna zu halten. Ziel sollte es aber sein, den Beckeninhalt leben und nicht nur überleben zu lassen! Wo sehe ich den Unterschied? Leben heisst entwickeln, anpassen, gedeihen. Überleben ist nur der eine Aufrechterhaltung eines Minimalzustandes. Das gilt NICHT NUR für unsere sichtbaren Bewohner, diesen Punkt haben die meisten Aquarianer seit Mitte der Achtziger hinter sich gebracht. Ich spreche von der Verkettung unserer Mikrofauna. Wir befinden uns derzeit an der Schwelle der Weiterentwicklung der Aquaristik. Ein wichtiger Schritt in erreichbarer Nähe. DIE SIMULATION der biologischen Abläufe und deren gegenseitige Beeinflussung!!!!


Die Industrie liefert uns seit kurzer Zeit folgende Komponenten:

 

-         Lebender Sand (in Kombination mit einem DSB)

-         Potente Bakterienkulturen und Futter

-         Lebendes Phytoplankton


 

Über jedes dieser Produkte wurde viel geschrieben und noch mehr diskutiert. Jedoch werden diese nur immer gesondert betrachtet, dabei liefern Sie uns als Kombination eine enorme Fülle an maritimen Kleinstlebewesen und eine grosse Bandbreite an direkten und indirekten, sowie gegenseitig beeinflussten Bioaktivitäten.

Der folgende kurze Überblick erklärt kurz die Wirkungsweise der einzelnen Produkte und deren Wechselwirkung im System.

Wir erhalten also die bioaktiven Subsysteme: Sand, Wasser, Steine.


 



Das Tiefe Sand Bett spielt im biologisch aktiven Aquarium eine entscheidende Rolle. Es vollziehen sich komplexe biologische Interaktionen und ich vermute, diese werden vom „Durchnittsaquarianer“ grösstenteils ignoriert.

Das DSB sollte eine Höhe von mindesten 10cm haben und mindestens teilweise aus lebendem Sand bestehen. Der wichtigste Faktor ist aber die Partikelgrösse. Handelsüblicher Korallenbruch ist für ein DSB ungeeignet. Wir benötigen feinsten Sand.

Das Aquariumwasser ist zu unterscheiden in die Wasserschicht oberhalb des Sandes und Wasserschichten im Sand. Durch das Vorkommen von Bakterien und durch Gasdiffusion wird das Wasser innerhalb des DSB in sichtbare Schichten unterteilt. Diese Schichten unterscheiden sich voneinander durch die vorherrschende Sauerstoffkonzentration. Wir unterscheiden aerobe, anaerobe und anoxische Segmente. Die aerobe Schicht hat annähernd dieselbe Sauerstoffkonzentration wie das Wasser oberhalb des Sandes. In der anaeroben Schicht ist noch Sauerstoff vorhanden, aber schon deutlich weniger als in der darüber liegenden Schicht. Die anoxische Schicht enthält keinen gelösten Sauerstoff. 

Gäbe es kein Leben im Sand, gäbe es auch keine Schichtenbildung. Diese wird verursacht durch Bakterien, Mikroorganismen und Tiere, die auf der Oberfläche von Sedimentpartikeln leben.

In den unterschiedlichen Schichten kommt es zu einem Abbau von überschüssigen Nährstoffen. Ebenso führen die großen Populationen von im Sediment lebenden Tieren die Nährstoffe vom DSB wieder zurück zu Organismen wie Korallen oder Weichkorallen, welche durch ihre Bewegung von Wasser und Sediment wiederum Bakterien im frei fließenden Beckenwasser erzeugen. (Shimek 1991) Schlussendlich, wenn sich diese kleinen Tiere fortpflanzen, bringen sie wieder überschüssige Nährstoffe in Form von Larven oder sonstige bei der Reproduktion freiwerdenden Stoffe vom Sediment zurück ins Wasser.



Der Einsatz und die Funktion von lebendem Riffgestein sind seit mehreren Jahren bekannt und haben sich etabliert.

Wie im DSB finden im Innern der porösen Struktur Schadstoffabbauende Prozesse statt. Auch die natürlich vorhandene Population an Mikroorganismen kann mit den im DSB enthaltenen Kulturen mithalten. Weiter bringt qualitativ hochwertiges Lebendgestein auch weitere Organismen ein, wie:  Knallkrebse, Makroalgen, Fadenwürmer, Schwämme,  Röhrenwürmer, Korallen und viele mehr.

Im Unterschied zum DSB ist die vorhandene Besiedlungsfläche für Mikroorganismen im Vergleich zu einem DSB doch eher klein.

Die Vielfalt der im DSB und Lebendgestein vorhanden Mikroorganismen nimmt im Laufe der Zeit stetig ab. Einzelne Populationen verschwinden zum Teil ganz, oder werden stark dezimiert.

Man darf nicht vergessen, dass die nitrifizierenden Bakterien einem starken Konkurrenzkampf mit anderen Mikroorganismen-Stämmen unterworfen sind. Sauerstoffmangel, Mangel an bestimmten Spurenelementen, abnormale Senkung
des pH-Wertes, extreme Wasserverschmutzung, usw. führen dazu, dass sich bestimmte Bakterienstämme gegen die nitrifizierenden Bakterien behaupten können.
Dies äußert sich im Aquarium beispielsweise durch trübes Wasser. Resultat eines Konkurrenzkampfes, aus dem die Entwicklung eines Bakterienstammes hervorgeht, der sich im Aquarienwasser explosionsartig vermehrt.

Um eine mannigfaltige Populationsvielzahl erhalten zu können, besteht die Möglichkeit regelmässig spezielle und ausgewogene Bakterienkulturen einzufügen. Weitere Produkte ernähren die vorhandenen Populationen und sichern deren Fortbestand.



Im biologisch aktiven Aquarium ist das Wasser ebenfalls eine wesentliche Rolle. Das Wasser als zentrales Element in unserem Mini-Ökosystem ist Transportmedium von diversen Stoffen von und zu den im Aquarium lebenden Organismen.

Doch Wasser kann weit mehr sein: Ein weiterer AKTIVER Baustein in der Umwandlung von Schadstoffen. Die meisten Aquarianer denken, dass die Funktion des Elementes Wasser sich lediglich auf die eines Trägermediums beschränkt. Und der Abbau von Schadstoffen ausschliesslich in den vorhandenen Filtern (lebende Steine, diverse technische Filtermodelle, diverse biologische Filtertypen ausserhalb des Aquariums..) stattfindet. Weit gefehlt!

Lebendes Phytoplankton

Lebendes Phytoplankton gewährleistet die Gesundheit aller Meerestiere. Durch die verschiedenen wertvollen Mikroalgen bildet es eine Nahrungsgrundlage für alle Lebensformen. Ein Meerwasseraquarium imitiert ein natürliches Biotop. Betrachten wir eine ozeanische Region, so kann diese nur stabil sein, wenn eine ausreichende Vielfalt an Lebewesen anwesend ist. Die Ozeane bieten ausreichend viel Raum für eine derartige Vielfalt an Organismen, so dass die gesamte Chemie und das Nahrungsangebot des Wassers ein stabiles Gleichgewicht erreicht. Lebendes Phytoplankton fördert natürliche Kreisläufe, die Komponenten werden von kleinen Lebewesen, wie Kleinkrebsen oder kleinen Muscheltieren gefressen, und diese wiederum von größeren Fischen. Auch Weich und Steinkorallenpolypen ernähren sich von Phytoplankton. Mit ihren wertvollen Substanzen wie natürliche Abwehr- und Farbstoffe sowie Antioxidanten, Vitamine, Proteine, Fette und nicht zuletzt den höheren ungesättigten Fettsäuren fördert Phytoplankton  die Gesundheit aller Aquariumbewohner.

 

Das Phytoplankton wird im Riffaquarium schnell verbraucht. Um einen fortwährenden Stand gewährleisten zu können, bedarf es einer täglichen Zugabe.

Besonders interessant ist die Tatsache, dass sich die Organismen im DSB ebenfalls von den Phytoplantonzellen ernähren. Eine Planktongabe verbessert so also indirekt die Funktionsweise im DSB und somit auch die Stabilität einer optimalen Wasserqualität. Und last but not least: Lebendes Phytoplankton hat selbstverständlich ebenfalls einen Stoffwechsel. Das im Aquarium vorhandene lebende Plankton trägt dadurch ebenfalls DIREKT zur Stabilisierung der Wasserqualität und Schadstoffabbau bei. Lebendes Phytoplankton ist also weit mehr als blosses Futter für Muscheln, Filtrierer und Jungtiere.


Durch eine gezielte und abgestimmte Kombination von maritimen Mikroorganismen erhalten wir ein stabiles und weitgehend natürliches Ökosystem im Kleinen. Das Angebot an Kleinstlebensformen, welche direkt aus dem Meer entstammen (Lebendgestein, Lebender Sand), oder im Labor gezüchtet worden sind (Phytoplankton, Bakterienstämme), ist stark gewachsen. Lebender Sand findet häufig nur als Dekomaterial, Phytoplankton als Futtermittel seine Verwendung. Die Verkettung dieser Funktionsweisen  eröffnen der Meerwasseraquaristik neue Möglichkeiten, welche sich vielen Aqaurianern noch nicht erschlossen haben.

Die Imitation des Lebensraumes „Meer“ beschränkt sich nicht nur durch die Haltung von Korallen, Krebstieren, Fischen und anderen Lebensformen. Vielmehr ist eine Nachahmung möglichst vieler Prozesse, welche sich oft im Versteckten abspielen, anzustreben.

 

 

Copyright: Iwan Lässer

Veröffentlichungen nur mit Einverständnis des Autors